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Der Jahreswechsel ist oft eine Zeit der Ruhe, des Lesens und der Reflexion. Ein Buch, das derzeit nicht besser dazu passen könnte, ist die posthum veröffentliche Autobiographie von Stefan Zweig „Die Welt von gestern: Erinnerung eines Europäers“. Darin beschreibt Zweig „ein stabiles, sicheres und starkes Europa“, welches an das Europa und vor allem an das gewachsene robuste Konstrukt der Europäischen Union erinnert, das Frieden, Zusammenhalt und Sicherheit bietet und in dem die Autorin dieses Textes aufgewachsen ist.
In seinem Buch beschreibt Zweig den dramatischen Wandel Europas vom ersten Weltkrieg bis zum Aufstieg des Nationalsozialismus. Die Schilderung Zweigs weist beängstigende Parallelen zur heutigen Zeit auf. Er beschreibt die Jahre zwischen den Weltkriegen als eine Ära der Dauerkrisen. Wir stehen momentan zwar aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht vor dem dritten Weltkrieg, befinden uns aber in einer Zeitenwende. Die gewohnte (Welt-)Ordnung nimmt eine äußerst beunruhigende Entwicklung und wir sehen uns permanenten Krisen ausgesetzt, die unsere, uns bekannte Freiheit, Stabilität und Sicherheit bedrohen.
Diese permanenten Krisen und Bedrohungen unserer Zeit sind viele und vielfältig. In seiner Neujahrsrede stellte auch der Bundeskanzler fest, dass Deutschland täglich von Sabotage, Spionage und Cyber-Angriffen überzogen wird und befand, dass die Bundesrepublik ihre Abschreckungsfähigkeit verbessern müsse, um ein sicheres Land zu bleiben. Da die Welt durch neue Technologien und die Globalisierung stärker als nie zuvor von gegenseitiger Abhängigkeit geprägt ist, stellt sich allerdings die Frage, reicht das? Viel mehr noch, ist unsere heutige Sicherheitsarchitektur und -kultur in Deutschland und Europa der realen Bedrohungslage noch angemessen?
Krisen, Konflikte und Bedrohungen
Krisen und Konflikte mit globalem Charakter, wie der Nahost-Konflikt und der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, werden von hybriden Bedrohungen begleitet und führen unter anderem zunehmend zu ideologisch extrem aufgeladenen Protesten und Anschlägen.
Eine fortwährend unerträgliche Situation in Gaza hat weltweit Konsequenzen, einschließlich einer enormen Polarisierung und einem neuen Höchststand von Antisemitismus und Islamophobie. Dies führte bereits zu vereitelten und tödlichen Anschlägen in Deutschland und Europa: die Festnahme drei mutmaßlicher Hamas Mitglieder in Berlin am 1. Oktober 2025, die Anschläge auf israelische und jüdische Einrichtungen in Deutschland geplant haben sollen, das tödliche Attentat auf die Synagoge in Manchester, Großbritannien am 2. Oktober 2025 oder der Brandanschlag auf eine Synagoge im August 2024 in La Grande-Motte, Frankreich.
Staatliche und nicht-staatliche Akteure, wie zum Beispiel Russland und der Iran, versuchen die deutsche und europäischen Gesellschaften sowie deren Volkswirtschaften zunehmend zu destabilisieren und beeinflussen dadurch die deutsche Sicherheitslage1.
Gesteuerte Desinformations-Kampagnen zur Beeinflussung der öffentlichen Meinungsbildung und Cyberangriffe, sowie Spionage und Sabotageakte auf die kritische Infrastruktur, militärische Einrichtungen und Industriestandorte sind nur einige Beispiele der russischen hybriden Kriegsführung gegen die EU und ihre Mitgliedsstaaten2. Zwar wurden der Öffentlichkeit bisher keine Beweise vorgelegt, doch suggerieren der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius und das belgische Verteidigungsministerium einen Link zwischen den Störungen durch Drohnen an belgischen Flughäfen im November 2025 und Diskussionen in der EU über die Verwendung eingefrorener russischer Vermögenswerte, die beim belgischen Finanzinstitut Euroclear liegen, um einen Kredit für die Ukraine zu finanzieren3.
Dazu zählt auch die wachsende Rekrutierung von „Wegwerfagenten“. Über soziale Medien heuern ausländische, zumeist russischen, Nachrichtendienste europäische Staatsbürger an, um Sabotage-, Spionage- und/oder Propaganda-Aktionen auszuführen4. Zunehmend werden insbesondere Minderjährige international über soziale Medien für diese Straftaten rekrutiert5. Dies stellt Strafverfolgungsbehörden nicht nur während der Ermittlungen vor zusätzliche Probleme, da Informationsaustausch zu Minderjährigen deutlicher enger reguliert ist, sondern wirft auch Schwierigkeiten für die Justizbehörden auf, ein angemessenes Strafmaß zu finden.
Schattenaktivitäten des Iran zielen des Weiteren auf spaltende und destabilisierende Dynamiken in Deutschland ab. Dazu zählen sowohl die Unterstützung von Stellvertretern wie islamischen Zentren – zum Beispiel das Islamische Zentrum Hamburg e.V. – und Organisationen, als auch die Inauftraggabe von Anschlägen auf israelische und jüdische Einrichtungen in der EU – wie zum Beispiel die vom Iran angeordneten Brandanschläge auf Synagogen in Nordrhein-Westfalen im Dezember 20236.
Währenddessen machen der Klimawandel und seine Folgen weite Gebiete im globalen Süden zunehmend unbewohnbar. Anstatt jedoch die Ursachen anzugehen und so eine stetig wachsende Zahl von Geflüchteten und Migrant:innen zu reduzieren, oder an einer gewinnbringenden gesellschaftlichen Integration zu arbeiten, wird die eigentliche gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Migration fälschlicherweise politisch vereinfacht zu einer Sicherheitsfrage umetikettiert. Allerdings, mit den bekannten erheblichen Konsequenzen von Polarisierung, Spaltung und Hass.
Gleichzeitig muss Deutschland wachsende soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten und Unsicherheiten angehen, um eine weitere Zersplitterung und Frustration in der Gesellschaft zu verhindern.
Sozialen Medien können diese vielfältigen Tendenzen und Bedrohungen noch verstärken, können als Katalysatoren von Hass, Desinformationen, Verschwörungstheorien, Propaganda und Hetze agieren. Nicht nur die Algorithmen, sondern auch “Influencer:innen” unterstützen dies, indem sie zusätzlich gewaltgeprägte und extremistische Ideologien verbreiten.
Die Bedrohungslage
Dies alles bietet den Nährboden für eine fortgesetzte Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft, sowie für Radikalisierungsprozesse, die in Gewalt münden. Die polizeiliche Kriminalstatistik7 vom Mai 2025 für das Jahr 2024 zeigt konkret, dass die politisch motivierte Kriminalität in 2024 einen erneuten Höchststand erreicht hat:
- Die Fallzahl erhöhte sich auf 84.172 Delikte. Treiber dieser Entwicklung waren unter anderem der Nahost-Konflikt sowie die Bundestagswahl. Mit einem Zuwachs von 40,2 Prozent handelt es sich um den höchsten prozentualen Anstieg seit Einführung des kriminalpolizeilichen Meldedienstes für politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2001.
- Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund verzeichneten mit 47,8 Prozent den stärksten Zuwachs und stellen inzwischen mehr als die Hälfte aller polizeilich erfassten Fälle.
- Auch die Zahl rechtsmotivierter Gewalttaten nahm 2024 deutlich zu und stieg um 17,2 Prozent.
- Hasskriminalität nahm insgesamt spürbar zu. Innerhalb dieses Bereichs erhöhten sich antisemitische Straftaten erneut um 20,8 Prozent und erreichten damit einen neuen Höchstwert.
- Der Nahost-Konflikt hatte ebenfalls erheblichen Einfluss auf das Straftatenaufkommen: In diesem Zusammenhang wurden 7.328 Delikte registriert, was einem Anstieg von 67,7 Prozent entspricht.
Was bedeutet dies nun ganz konkret für uns?
Historisch gesehen ist Sicherheit die Aufgabe Staates und so ist es auch im deutschen Grundgesetzt verankert. Die Gewährleistung der Sicherheit, wie das Gewaltmonopol, liegen beim Staat und den verschiedenen Sicherheitsbehörden, sei es der Polizei, den Geheimdiensten, dem Militär und der Justiz.
Schon Zweig fragte sich in seiner Autobiographie, was die Rolle des Einzelnen, des Schriftstellers und Dichters ist. Er fand damals, dass es die Aufgaben eines Jeden sind, nicht nur nicht einzustimmen in Hetzgesänge, sondern die Stimme zu erheben, aufzuklären und beizutragen, im Großen, wie im Kleinen, im Alltäglichen, zu Toleranz und Völkerverständigung. So wie Zweig damals versuchte die Bänder zwischen den europäischen Völkern durch Aufklärung zusammen zu halten und gegen Hass, Abgrenzung und Populismus zu kämpfen, so sollten wir dies heute eine Stufe weiterdenken.
In Anbetracht der komplexen, systematischen, hybriden und tiefen Bedrohung unserer Sicherheit und Demokratie, stellt sich nun die Frage, wo heute die Grenze zwischen Sicherheitspolitik – der Verantwortung der Politik und Sicherheitsdienstleistern – und der Rolle und der Verantwortung des/der Einzelnen verläuft?
Wir müssen unseren Ansatz für die innere Sicherheit überdenken, denn die Abschreckungsfähigkeit aufbauen allein reicht nicht. Wir benötigen einen Kulturwandel in unserer Sicherheitsarchitektur: Es ist nicht mehr nur die Aufgabe des Staates unsere Sicherheit zu gewährleisten. Stattdessen ist Sicherheit unser aller Aufgabe und Verantwortung; als Bürger, als Unternehmen, als Vereine, als Teil einer Gesellschaft und Demokratie.
Und wie?
Im April 2025 hat die EU die neue interne Sicherheitsstrategie, ProtectEU veröffentlicht. Damit hat die EU ihren Mitgliedsstaaten einen angepassten Umgang an das veränderte Sicherheitsumfeld präsentiert. Fundament dieser Strategie ist der „gesamtgesellschaftliche Ansatz, der Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen, Forscherinnen und Forscher sowie die Zivilgesellschaft einbezieht.8“
Die ProtectEU Strategie konkretisiert zuerst die Aufgaben für die Europäische Kommission und ihre Mitgliedsstaaten selbst. In der Zwischenzeit, können, dürfen und müssen wir alle mehr tun.
Private Unternehmen könnten in Fortbildung ihrer Mitarbeiter:innen investieren, insbesondere in Digitale und Medienkompetenz, um Resilienz gegen Desinformations-Kampagnen und Propaganda aufzubauen, sowie im Bereich Cybersicherheit, auch um den eigenen Betrieb zu schützen. Ebenso sind Investitionen in sichere Technologien zu empfehlen, um die eigene kritische Infrastruktur zu schützen. Eine erweiterte freiwillige Zusammenarbeit und verstärkter Informationsaustausch mit öffentlichen Stellen wie Polizei, Cybersicherheitsbehörden und Strafverfolgungsbehörden, um Bedrohungen vorherzusehen und ihnen entgegenzuwirken wären zusätzliche wichtige Schritte. Letztlich könnten Unternehmen in den Kapazitätsaufbau investieren, insbesondere in Sicherheitsforschung und -entwicklung, gegebenenfalls durch öffentlich-private Partnerschaften, um technologische Souveränität und Resilienz zu stärken.
Große und kleinere Anbieter von Onlineplattformen, wie soziale Medien, sollten sich ihrem Einfluss und der damit einhergehenden Verantwortung für Sicherheit und Demokratie bewusstwerden. Neben der schnellen und lückenlosen Umsetzung von digitaler Gesetzgebung, wie dem Gesetz über digitale Dienste der EU (Digital Services Act), sollte in weitere gesamtgesellschaftliche Präventionsmaßnahmen in Zusammenarbeit mit öffentlichen Stellen und zivilgesellschaftlichen Akteuren investiert werden, um gefährdete Nutzer, vor allem Minderjährige, vor illegalen und gefährlichen Inhalten und Aktivitäten online zu schützen.
Die Zivilgesellschaft, wie nicht-Regierungsorganisationen und (Sport)vereine sind ein fundamentaler Partner im Aufbau von gesellschaftlicher Resilienz. Durch Beteiligung an der Politikgestaltung und Beratung von Entscheidungsträgern, Förderung von Toleranz und Verständnis, sowie Identitätsbildung und Integration, oder Sensibilisierung zu Themen wie Antidiskriminierung, Opferhilfe, Umweltschutz und Digitale-/Medienkompetenz können sie eine deutliche Rolle bei der Verbesserung der Sicherheit einnehmen.
Jede Bürgerin und jeder Bürger kann durch die Stärkung der eigenen digitalen Kompetenzen, Hinterfragen von Narrativen und Quellen, Toleranz und Bereitwilligkeit für einen Austausch mit anderen Meinungen etwas entgegensetzen. Ein offenes Auge und Ohr für Umgebung und Veränderungen im Verhalten von Freunden und Familien im Sinne des britischen “see something, say something” kann große Wirkungen im Kampf gegen gesellschaftlichen Spaltung, gezielte Desinformationenkampagnen, Sabotageakte und Radikalisierung haben.
Die EU geht ganz spezifisch gegen Radikalisierung und gesellschaftliche Spaltung vor, unteranderem mit dem neuen EU-Wissenszentrum zur Prävention von Radikalisierung9. Das EU-Wissenszentrum bietet den Rahmen für den Austausch von Beobachtungen neuer Radikalisierungstrends, -muster und gefahren über Grenzen hinweg. Dieser Austausch findet im gesamtgesellschaftlichen Prozess direkt zwischen Sicherheitsbehörden, politischen Entscheidungsträgen sowie Psycholog:innen, Lehrer:innen, Sozialarbeiter:innen, Eltern und der Jugend selbst statt, um effektive Strategien und Intervention zu entwickeln.
Es ist an der Zeit, dass wir als Bürger_innen, Zivilgesellschaft und Unternehmen unsere Rolle in einer neuen Sicherheitskultur eines gesamtgesellschaftlichen Ansatzes wahrnehmen, unsere Verantwortung verstehen und ihr gerecht werden. Nur gemeinsam, mehr ein Wir mit jedem als ein Wir gegen euch, können wir unsere eigene Sicherheit gewährleisten.
Quellenangaben
Titelbild von Dmitry – stock.adobe.com
1 https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/sicherheit/BMI25029-vsb2024.pdf?__blob=publicationFile&v=5
2 Ibid.
3 https://www.reuters.com/world/german-military-creates-rapid-response-teams-counter-drone-threats-2025-11-07/
4 https://www.bka.de/DE/Landingpages/LLA/lla_node.html
5 https://www.bbc.com/news/articles/c9dg217glveo, https://simplysecuregroup.com/dutch-teens-arrested-for-trying-to-spy-on-europol-for-russia/
6 https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/sicherheit/BMI25029-vsb2024.pdf?__blob=publicationFile&v=5
7 https://www.bka.de/DE/Presse/Listenseite_Pressemitteilungen/2025/Presse2025/250520_PM_PMK_Zahlen.html, https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/PMK/PMKZahlen2024/PMKZahlen2024_node.html
8 https://germany.representation.ec.europa.eu/news/eu-kommission-stellt-protecteu-vor-eine-neue-europaische-strategie-der-inneren-sicherheit-2025-04-01_de
9 https://home-affairs.ec.europa.eu/networks/eu-knowledge-hub-prevention-radicalisation_en?prefLang=de







