Nach Anschlägen in Deutschland, Belgien und den Niederlanden warnen Geheimdienste vor der Gruppe HAYI. Sie soll von Teherans Revolutionsgarden gesteuert werden und gezielt Kriminelle rekrutieren – oft für nur wenig Geld.
Sie bedrohen Dissidenten, Oppositionelle, Kritiker und Gegner des Regimes – mit Tötungen, Drohungen, Einschüchterungen oder Entführungen. Der „Werkzeugkasten“ der Islamischen Republik Iran im Kampf gegen ihre Gegner gilt Sicherheitsbehörden als facettenreich. Und nach Einschätzung deutscher Dienste verdichten sich Hinweise, dass iranische Strukturen auch in Deutschland wieder konkreter operieren.
Zwar sahen deutsche Sicherheitsbehörden nach Ausbruch des Iran-Kriegs zunächst keine direkte „reale Gefahr“, allenfalls eine „hohe abstrakte Gefährdung“. Inzwischen haben sich Erkenntnisse zu Terrorwarnungen konkretisiert. Im Kontext des Irankriegs tauchte eine neue, operativ agierende Terrorgruppe auf: „Haralkat Ashab al-yamin al-islamia“, zu Deutsch „Islamische Bewegung der Gefährten des Rechts“. Die Kurzform lautet: HAYI.
Ermittlungen nach einem Anschlag am 12. April auf ein jüdisches Restaurant in München führten zu einem europäischen Netzwerk von HAYI. In den Niederlanden und Großbritannien hatte die Gruppe bereits im März gegen israelische und Us-ziele gezündelt und gebombt. Nachrichtendienste verorten HAYI im Umfeld der iranischen Revolutionsgarden. Konkreter wurde diese Zuordnung, als HAYI nach einem mutmaßlichen Sprengstoffanschlag auf eine Synagoge in Lüttich am 9. März einen digitalen Fußabdruck hinterließ. In einem Telegram-post an eine irakische, proiranische Miliz hieß es: „Wir haben unsere militärischen Operationen gegen USA und Israel weltweit gestartet!“ Unterfüttert wurde diese Erklärung durch Videoclips, die auch an die Hisbollah im Libanon gingen. Der Terrorakt in Lüttich am 9. März war nach dieser Lesart eine Initialzündung weiterer Hayi-Aktionen.
Die iranischen Terrorarme scheinen auch Deutschland konkret ins Visier zu nehmen. Denn HAYI wird von Nachrichtendiensten mit den iranischen Revolutionsgarden in Verbindung gebracht. Abseits offizieller Verlautbarungen wissen Sicherheitsdienste nach eigenen Angaben seit Längerem von verdeckten Akteuren: „Sie sind unter uns“- als Operateure, Agenten oder Sympathisanten des Mullah-regimes. Staatlich gesponserter Terrorismus gehört seit der Gründung der Islamischen Republik Iran (1979) zu Aspekten iranischer Außenpolitik. 1992 liquidierte ein Killerkommando im Berliner Restaurant „Mykonos“ vier kurdische Oppositionelle – im Auftrag des iranischen Geheimdienstes.
Für Auslandsoperationen gilt gemeinhin die Spezialeinheit der Revolutionsgarden, die Al-Quds-Brigade, samt ihrem Geheimdienst (rund 20.000 Mann), als zuständig. Neben Aktionen gegen Gegner des Iran sollte die Qudseinheit den Export der iranischen Revolution nach 1979 im Nahen Osten forcieren. Inzwischen haben die Mullahs mit ihrer Spezialtruppe international – auch in Europa – ein fein gesponnenes Geflecht von Akteuren, „Schläfern“, geheimen Zellen und Spionen aufgebaut.
Dieses Konstrukt basiert nach Erkenntnissen westlicher Dienste auf drei speziellen Unterabteilungen. Die Einheit 8400 ist demnach auf Aufklärung und Zielmarkierung spezialisiert. Die Quds-Truppe 400 habe nur eine Aufgabe: gegen Länder vorzugehen, die das Nuklearprogramm des Iran ablehnen. Und die Quds-Einheit 3900 sei vom Palästina-Arm, der Hisbollah und der Hamas organisiert – mit dem Auftrag, kombinierte Aktionen im Ausland durchzuführen. Massiv unterstützt würden diese Operationsarme vom „Ministerium für Information und Sicherheit“ (Mois). Im Hintergrund werde die Szene zudem durch einen Quds-Vertreter aus der iranischen Botschaft heraus betreut und geführt. Westliche Geheimdienste gehen davon aus, dass in diplomatischen Vertretungen Offiziere des Geheimdienstes der Quds-Brigaden platziert sind.
Daneben entwickeln die Terrorprofis des Iran zunehmend neue Rekrutierungsmethoden. So konstatierte der französische Inlandsgeheimdienst DGST in einer Analyse: „Die iranischen Nachrichtendienste haben ihren Modus Operandi geändert und bevorzugen jetzt verstärkt Personen aus und mit kriminellem Hintergrund, um ihre Angriffe im Ausland durchzuführen!“ Für den Anwerber dieser angeheuerten Täter, die in Fachkreisen auch „Low-Level-Agents“ oder „Wegwerf-Agenten“ genannt werden, ergibt sich ein Vorteil: Bei Entdeckung oder Festnahme der Akteure kann sich der Auftraggeber von ihnen distanzieren. Diese Methode praktiziere auch Russland, um Spuren nach Moskau zu verschleiern.
Sicherheitsdienste in europäischen Ländern beobachteten bereits vor dem Iran-krieg, wie Auslandsspezialisten der al-quds-brigade und Geheimdienstexperten Kriminelle in Europa anheuerten, um jüdische Geschäftsleute in Paris, München oder Berlin auszuspähen. Als Beleg für den Trend gilt die Festnahme eines französischen Kriminellen, der zugab, 1000 Dollar in bar erhalten zu haben, um in München Fotos vom Haus eines möglichen Ziels aufzunehmen – Terror für eine Handvoll Dollar.
So entsteht ein geheimes Netz aus Kontakten, Mittelsleuten und Mitläufern: eine Art zweite Front abseits des großen Kriegsgeschehens. Dabei geht es um Involvierung und direkte Koordinierung zwischen Kriminellen, Drogenhändlern, Bossen der Organisierten Kriminalität und iranischen Kontaktleuten. Häufig reisen Täter aus dem kriminellen Milieu in den Iran, erhalten Instruktionen und kehren dann in das jeweilige europäische Zielland zurück, um einen Anschlag zu koordinieren.
In einem Prozess in Düsseldorf enthüllte die Anklage zum Beispiel, dass der Iran ein früheres Mitglied der Rockerbande „Hells Angels“ anheuerte – einschließlich eines Trips in den Iran -, um einen Anschlag zu planen und einen Täter zu rekrutieren. Ziel sollte eine Synagoge in Bochum sein. Außer diesem Beispiel sollen noch zwei weitere Vorfälle die Handschrift iranischer Kreise tragen.
Wie aktiv der Iran Gegner verfolgt, belegen Zahlen. So enthüllte der Direktor des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5, General Ken Callum, seit 2022 allein 20 Anschläge auf Bürger des Landes, hinter denen der Iran gestanden habe. Eine kürzlich erstellte Studie der Denkfabrik „International Centre for Counter Terrorism“ (ICCT) in Den Haag nannte 218 iranisch initiierte Operationen seit 1979 – 102 davon in europäischen Ländern. Allein in Deutschland wurden mehrere Personen 2025 festgenommen, die im Auftrag der Al-Quds-Brigaden operiert und Anschläge gegen Israelis sowie jüdische Einrichtungen geplant haben sollen. Für die Terrorismusforschung tut sich damit ein Phänomen auf, das in dieser Form besonders brisant wirkt: eine Symbiose von staatlich gefördertem Terrorismus mit Kleinkriminellen bis hin zur Organisierten Kriminalität – und das oft nur für eine Handvoll Dollar.
Quellenangaben
Titelbild von AndriiKoval – stock.adobe.com
Gastbeitrag von Rolf Tophoven am 04.05.2026 | Rheinische Post – Wesel/Dinslaken ©








