/
/
/
Sterben für Allah als höchste Pflicht

Sterben für Allah als höchste Pflicht

Sterben für Allah als höchste Pflicht

Kolumne · Dass das iranische Regime den USA und Israel so lange trotzt, liegt maßgeblich an einer Schlacht aus dem Jahr 680. Ein Gastbeitrag zum Selbstverständnis der Schiiten.

Der Krieg im Iran zieht sich hin. Der Widerstand des Mullah-Regimes ist zäher als die Strategen im Weißen Haus erwartet haben. Nach wie vor fallen Bomben auf die Golfstaaten. Auch Israelis pendeln immer noch zwischen Normalität und Schutzbunker. Im Libanon hat die proiranische Hisbollah eine zweite Front eröffnet, Israel schlägt hart zurück und lässt seine Truppen im Südlibanon einrücken. Im Kontext dieser Entwicklung zeigen sich Strukturen und Normen, die im innersten Wesen der schiitischen Ausprägung des Koran begründet liegen.

Denn Märtyrertum oder Opferbereitschaft ist so etwas wie die DNA der Schiiten. Das rührt von der Geschichte her. Innerhalb des Islam sind zwei große Ausrichtungen zu unterscheiden. Die Sunniten, mit über 90 Prozent der größte Anteil der Gläubigen, folgen dem von Mohammed vorgezeichneten Weg der „Sunna“. Die Schiiten leiten ihren Namen vom arabischen Wort für Partei (Schia) ab. Zehn Prozent der Muslime zählen zur schiitischen Lehre, fast ausnahmslos im Iran, Teile auch im Libanon. Um die Frage der rechtmäßigen Nachfolge des Propheten Mohammed kam es schließlich zur Spaltung der Anhänger Mohammeds in Sunniten und Schiiten.

Die Kontroverse um Mohammeds Nachfolge zwischen Sunniten und Schiiten schwelt bis heute

Theologisch billigten die Sunniten den Führungsanspruch in den islamischen Gemeinden jedem demokratisch gewählten guten Moslem zu. Für die Schiiten dagegen kam nur ein Blutsverwandter des Propheten als Führer und Nachfolger infrage. Mohammed hatte aber keine überlebenden Söhne – es fehlte die Basis für seine Nachfolge, das Kalifat. Die engsten Vertrauten des Propheten wählten daher Mohammeds Schwiegervater, Abu Bakr. Erst an vierter Stelle wurde Ali, Mohammeds Schwiegersohn, Kalif.

Die Schiiten glauben, nur Ali sei der wahre Führer – politisch und religiös – aller Muslime. Diese Kontroverse schwelt bis heute. Sonst wäre es wohl kaum möglich, dass, auch eingedenk des Kriegs, iranische Schiiten ihre sunnitischen Glaubensbrüder in den Golfstaaten mit Raketen beschießen.

Der Märtyrertod, das freiwillige sich Opfern für Allah, hat im Glauben der schiitischen Muslime eine lange und blutige Tradition. Die Wurzeln dieser Haltung reichen bis ins Jahr 620 nach Christus zurück. Damals erfuhr Ali, Neffe und Schwiegersohn Mohammeds, dass der Prophet von Ungläubigen nachts ermordet werden sollte. Ali schlich sich ins Bett des Propheten, denn er war bereit, sich für den Begründer des Islams zu opfern. Doch die Mörder erkannten ihn und verschonten ihn. Allah, so die Legende, habe den zum Tod bereiten Gläubigen geschützt.

Vom Schlachtfeld direkt ins Paradies

Doch durch den Imam Hussein Ibn Ali, Enkel des Propheten, erhielt der Mythos vom Märtyrertod im Glauben der Schiiten erst seinen festverankerten Platz. Denn es ging wieder um den rechtmäßigen Nachfolger des Propheten. Dazu stellte sich Hussein Ibn Ali am 10. Oktober 680 bei Kerbela südlich von Bagdad mit nur wenigen Anhängern den weit überlegenen Streitkräften des feindlichen sunnitischen Feldherrn Yazid. Es war ein Selbstmordkommando. Hussein und seine Getreuen wurden niedergemetzelt. Vom Schlachtfeld, so der Glaube der Schiiten, gelangten sie direkt ins Paradies.

Der Tod im Kampf, der gewaltsame Untergang zusammen mit dem Anführer, wird so zu einem spirituellen Sieg umgemünzt und zum Vorbild der Gläubigen. Die Geschichte dieser Schlacht kennt bei den schiitischen Muslimen jedes Kind. Die Kölner Iranexpertin und Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur sagt zu diesem Komplex: „Das ist die Botschaft der Schlacht von Kerbela, kollektives Leiden als Geburtsmythos des Glaubens!“

In Kerbela wurde für die Schiiten das „Sterben für Allah“ projiziert. Mit dem Glauben für Allah zu sterben sprengten sich im Libanon in den 1980er-Jahren Hisbollah-Terroristen vor israelischen Stützpunkten in die Luft. Sie gingen als Ikonen der Opferbereitschaft in die Geschichte ein.

Neues Selbstbewusstsein durch Khomeini

Die Machtübernahme Khomeinis 1979 hat zu einer Renaissance des Selbstbewusstseins der Schiiten geführt. Denn über Jahrhunderte hinweg waren sie immer nur die Verlierer. Sieger waren stets die Sunniten, die größte Richtung innerhalb des Islams.

Khomeini und sein durch einen israelischen Militärschlag getötete Nachfolger Ali Chamenei aktivierten in ihren Konflikten mit ihren Feinden politisch wieder den Geist von Kerbela. Dazu wurden bestimmte Rituale demonstrativ praktiziert. Am höchsten Feiertag Al Aschura ritzen sich Schiiten die Haut auf, geißeln sich selbst, laufen blutüberströmt durch die Straßen. In Prozessionen wird Kerbela nachgespielt. Der Gute, Imam Hussein, gegen den bösen sunnitischen Feldherrn Yazid, wie einst in Kerbela. Die Schlacht kommt ins Gedächtnis zurück, ob in Gestalt des guten todesbereiten Imams Hussein und seiner Mitkämpfer oder in jener des bösen Feldherrn Yazid, letzterer im Iran aktuell symbolisiert durch Trump und Netanjahu.

„Er schmeckte den Trank des Märtyrertodes…“

Und so mag es auch dieses religiöse und ideologische Glaubensgerüst sein, was bei manchem im Iran, seien es Militärführer oder fanatische Anhänger des Regimes, die Opferbereitschaft sowie den zähen, bis heute überraschend langwierigen Widerstand gegen die technologisch überlegenen Großmächte USA und Israel erklärt.

Während Bomben auf Teheran fielen, verkündeter mit tränenerstickter Stimme der Sprecher im Staatsfernsehen den Tod Ali Chameneis: „Nach einem Leben der Opfer und des Kampfes, so wie der Imam Hussein….“ Nach dem Rückgriff auf die Schlacht bei Kerbela fuhr der Sprecher fort: „Der Vater und Imam der Muslime“ sei tot. „Er schmeckte den Trank des Märtyrertodes und zog hinauf ins himmlische Königreich Gottes.“ In diesen Sätzen spiegelt sich erneut der kardinale Wesens- und Glaubenszug schiitischer Muslime: das Märtyrertum. Heruntergebrochen auf die aktuelle Kriegslage fast ein modernes Kerbela.

Zuerst erschienen 
RHEINISCHE POST © vom 23.03.2026

Quellenangaben
Titelbild von LuisEnrique – stock.adobe.com

© Security Explorer