/
/
/
Der ambivalente Verbraucher

Der ambivalente Verbraucher

Der ambivalente Verbraucher

Die Auswirkungen globaler Ereignisse machen sich im Alltag der deutschen Verbraucher bemerkbar. „Viele denken über Vorsorge nach“, sagt der Sicherheitsexperte Uwe Gerstenberg, „aber wenige setzen sie um.“

b+b: Kriege, Krisen, Katastrophen – Herr Gerstenberg, sind das für die Bundesbürger nur Schlagzeilen aus den Nachrichten oder sehen sie reale Gefahren für ihre eigenen Lebensumstände?
Uwe Gerstenberg: Für viele Bundesbürger sind Kriege und globale Krisen längst mehr als abstrakte Schlagzeilen. Sie werden im Alltag spürbar – vor allem durch steigende Energie und Lebensmittelpreise, Unsicherheit beim Einkommen oder Sorgen um die Versorgungssicherheit. Gerade Themen wie Brot, Getreide oder Energie zeigen: Globale Ereignisse haben direkte Auswirkungen auf den Küchentisch. Gleichzeitig zeigt sich eine Ambivalenz: Akute Bedrohungen werden wahrgenommen, aber oft verdrängt, solange der Alltag funktioniert. Erst wenn Lieferengpässe, Preissteigerungen oder Qualitätsveränderungen auftreten, werden aus Nachrichten reale persönliche Risiken. Die Sensibilität ist da – aber sie ist stark an konkrete, erfahrbare Auswirkungen gekoppelt.

„Krisen sind für viele Deutsche keine Nachrichten mehr – sondern eine Frage dessen, was morgen noch bezahlbar ist.“

b+b: Trauen sie dem Staat und seinen Institutionen zu, in solchen Fällen beispielsweise die Versorgung mit Nahrungsmitteln sicherstellen zu können?
Gerstenberg: Viele Menschen wollen darauf vertrauen, dass im Ernstfall jemand den Überblick behält – doch die letzten Jahre haben dieses Sicherheitsgefühl brüchig gemacht. Leere Regale in der Pandemie, rasant steigende Preise und die Angst vor Energieknappheit haben Spuren hinterlassen. Brot steht dabei sinnbildlich für Grundsicherheit: Wenn selbst das teurer wird oder knapp erscheint, trifft das die Menschen unmittelbar und emotional. Das Vertrauen in den Staat ist nicht verschwunden, aber es wird begleitet von der Sorge: Reicht seine Handlungsfähigkeit wirklich aus, wenn mehrere Krisen gleichzeitig zuschlagen?

„Brot steht sinnbildlich für Grundsicherheit: Wenn selbst das teurer wird oder knapp erscheint, trifft das die Menschen unmittelbar und emotional.“

b+b: Wie beurteilen die Bundesbürger die Resilienz der deutschen Wirtschaft im Fall von Kriegen, Krisen oder Katastrophen?
Gerstenberg: Viele Bundesbürger sehen die deutsche Wirtschaft als leistungsstark und erfinderisch – aber nicht mehr als unverwundbar. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell scheinbare Stabilität ins Wanken geraten kann: erst Pandemie, dann Krieg, dann Energie und Preisschocks. Das hat ein Gefühl der Dauerbelastung hinterlassen. Besonders bei Alltagsgütern wie Lebensmitteln wird spürbar, wie abhängig Wirtschaft und Versorgung von funktionierenden Strukturen sind. Die Sorge lautet weniger „Bricht alles zusammen?“, sondern vielmehr: Wie lange hält das System durch, wenn Krisen zur neuen Normalität werden?

b+b: Treffen die Verbraucher reale Vorkehrungen, im Krisen-, Kriegs- und Katastrophenfall die Versorgung sicherzustellen, indem sie Wissen und Kompetenzen erwerben und Vorräte anlegen, oder bleibt es bei „Man sollte mal …“?
Gerstenberg: Das Bewusstsein für Vorsorge ist in der Bevölkerung grundsätzlich vorhanden, wird aber im Alltag oft verdrängt. Dabei empfiehlt selbst das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Vorräte für mindestens 10 bis 14 Tage anzulegen – für den Fall, dass Strom, Lieferketten oder die Nahversorgung kurzfristig ausfallen. Vielen Menschen fehlt jedoch entweder das Wissen, der Platz oder schlicht der letzte Anstoß, diesen Schritt umzusetzen. Ich selbst habe konsequent vorgesorgt und halte Lebensmittel und Wasser für 14 Tage im Keller bereit, weil gerade in Krisen , Kriegs oder Katastrophenfällen nicht garantiert ist, dass die gewohnte Nahversorgung jederzeit funktioniert. Diese persönliche Vorsorge schafft kein Gefühl von Angst, sondern von Handlungsfähigkeit. Genau darum geht es: Nicht Panik, sondern Selbstverantwortung – ganz im Sinne der staatlichen Empfehlungen.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) erfragt regelmäßig in repräsentativen Studien, inwieweit sich die Bundesbürger mit Vorsorgemaßnahmen für mögliche Krisen und Katastrophen befassen. Dies sind Ergebnisse aus einer Umfrage, die Ende 2024/Anfang 2025 erhoben wurde: Mehr als neun von zehn Befragten haben nach eigenen Angaben eine unabhängige Lichtversorgung wie Taschenlampen oder Kerzen (91 %) und jeweils mehr als acht von zehn haben einen Verbandskasten (87 %) sowie eine Haus- oder Reiseapotheke (85 %) zu Hause. Auch eine Dokumentenmappe (69 %) und ein Schlafsack (66 %) sind in rund zwei Dritteln der Haushalte vorhanden. Lebensmittelvorräte (64 %) und Campingkocher oder einen Gas-/Kohlegrill (63 %) besitzen fast zwei Drittel der Befragten.

Zuerst erschienen
www.brotundbackwaren.de © vom 02/2026

Quellenangaben
Titelbild von Leo Rohmann – stock.adobe.com

Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) Vorsorgen für Krisen und Katastrophen – Offizielle Empfehlungen zur Eigenvorsorge (Lebensmittel, Wasser, Ausfall der Nahversorgung), inkl. Empfehlung eines Vorrats von mindestens 10 Tagen. BBK, fortlaufend aktualisiert. [bbk.bund.de]
BBK/Forsa Repräsentative Bevölkerungsbefragung zum Verhalten und zur Wahrnehmung von Krisen (Krieg in der Ukraine, Energieversorgung, Vorsorgeverhalten). Erhebungen 2022–2023. [bbk.bund.de]
Thünen Institut (Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei) Versorgung mit Nahrungs und Futtermitteln in Krisensituationen – Analyse staatlicher und wirtschaftlicher Herausforderungen bei Versorgungsstörungen. [thuenen.de]
BBK/Fachartikel Bevölkerungsschutz Ernährungsnotfallversorgung im Zivilschutz und in Krisenlagen in Deutschland – Staatliche Vorsorge, Reserven (Getreide, Notfallreserven) und Grenzen der Versorgung. [bbk.bund.de]
Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Unternehmen und Bevölkerung zwischen Resilienz und Überforderung – Wahrnehmung wirtschaftlicher Belastbarkeit und Zukunftsfähigkeit Deutschlands. IW Kurzbericht, 2025. [iwkoeln.de]
Fraunhofer Institut/Nationale Plattform Resilienz Bewertungsbericht zur Umsetzung der Deutschen Resilienzstrategie – Einschätzung struktureller Stärken und Schwächen Deutschlands in Krisen. 2025. [emi.fraunhofer.de]
Deutsche Bundesbank Resilienz in Deutschland und Europa – Auswirkungen geopolitischer Krisen auf Wirtschaft, Lieferketten und Stabilität. Rede & Analyse, 2025. [bundesbank.de]
Ipsos Sorgenbarometer/Cost of Living Monitor – Wahrnehmung von Krieg, Inflation, Energie und Lebensmittelpreisen als reale Alltagsrisiken. [ipsos.com], [ipsos.com]
Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) Verbraucherreport/Preiskrise – Gefühl des Alleingelassenseins, Sparverhalten bei Lebensmitteln, Vertrauenslage gegenüber staatlichen Maßnahmen. [vzbv.de]

Über den Autor

Uwe Gerstenberg, geboren 1961 in Berlin, schied 1987 als Offizier aus der Bundeswehr aus. Als Militärpolizist war er national und international im Einsatz und in den letzten Jahren seiner Dienstzeit in der Sicherungsgruppe des Bundesministeriums für Verteidigung beschäftigt. ⇒ mehr erfahren
© Security Explorer