Mehr als die Hälfte aller Opfer radikal-salafistischer Gewalt weltweit sterben in der Sahelzone. Westliche Truppen sind abgezogen, russische Söldner eingerückt. Der Islamische Staat nutzt das Vakuum für seinen Wiederaufstieg.
Angesichts der vielen Social-Media-Posts, die US-Präsident Donald Trump fast täglich verschickt, ging diese Meldung beinahe unter. Ihr Inhalt ist jedoch brisant: Kürzlich sollen nach Trumps Angaben US-Militärs gemeinsam mit nigerianischen Streitkräften den Vizechef der Terrororganisation Islamischer Staat (IS), Abu Bilal al-Mainuki, „eliminiert“ und „vom Schlachtfeld entfernt“ haben.
Überraschend ist das nicht. Die Sahelzone entwickelt sich seit Jahren zu einem Hotspot des Dschihadismus. Die Region zwischen Sahara im Norden und den Küstenländern im Süden gilt inzwischen als globales Epizentrum des Terrorismus, sagt Pieter van Ostaeyen vom International Centre for Counter- Terrorism (ICCT) in Den Haag. Laut dem „Global Terrorism Index 2025“ sind mehr als 50 Prozent der weltweiten Terror-Todesopfer aus der Sahelzone.
Dschihadistische Kommandos oder kriminelle Banden, etwa in Mali oder Niger, finden in diesem riesigen Raum ideale Rückzugs- undVorbereitungsräume für ihre Operationen. Staatlicher Zugriff ist oft nicht möglich. Terrorgruppen, darunter Al-Kaida und der Islamische Staat, haben sich in mehreren Staaten festgesetzt oder diese unterwandert. Westliche Diplomaten fürchten eine Machtübernahme durch Islamisten. Politikwechsel und antiwestliche Regierungen haben sich in Teilen bereits durchgesetzt.
Hinzu kommt der Rückzug westlicher Militärkräfte. Frankreich beendete 2022 die Operation Barkhane, die UN-Mission Minusma mit Beteiligung der Bundeswehr lief 2023 in Mali aus. Ein klassisches Beispiel für den Verlust einer westlichen Bastion gegen eskalierenden Terrorismus und politische Instabilität in Westafrika ist neben Mali auch Niger. Bis zum Militärputsch Ende Juli 2023 galt das Land als letzter demokratischer Partner Europas und der USA in der Sahelzone. Wie zuvor die Franzosen und die Vereinten Nationen in Mali musste auch Deutschland seinen Lufttransport-Stützpunkt in Niger aufgeben. Damit endete auch dort eine weitere Friedensmission von außen. Wie fragil die innenpolitische Lage ist, zeigte der Anschlag auf den Flughafen in Nigers Hauptstadt Niamey. Am 18. Juni forderte eine Terror-Operation der dschihadistischen Gruppe JNIM, der „Gruppe zur Unterstützung des Islam und der Muslime“, ein Ableger der Extremistengruppe Al-Kaida, 13 Tote und zahlreiche Verletzte. In Mali setzte die Militärjunta nach dem Ende des westlichen Engagements stattdessen auf die militärische Schlagkraft russischer Söldner der ehemaligen Wagner-Gruppe, die heute „Afrikakorps“ genannt wird. In Staaten wie Mali, Burkina Faso, Niger, aber auch in der Zentralafrikanischen Republik sind die Aufgaben aus Sicht des Kremls klar umrissen: Einerseits sollen die Machthaber in den jeweiligen Ländern gestützt und Bodenschätze wie Gold und Öl gesichert werden. Andererseits geht es darum, den russischen Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent auszubauen.
»Der Islamische Staat in der Sahelzone und in Westafrika hat sich wieder etabliert.«
Vladimir Voronkov – UN-Büro „Counter-Terrorism“
Wie politisch labil die Lage in manchen Ländern ist, zeigt auch die Zahl der Militärputsche in der Region. Seit 2020 haben in sieben afrikanischen Ländern Militärs erfolgreich geputscht. In Mali und Burkina Faso gab es innerhalb relativ kurzer Zeit jeweils sogar zwei Militärputsche. Die Herausforderungen durch Islamisten, kriminelle Banden und Clans werden für viele Regierungen zu einer schweren Belastung. Unter den Hauptakteuren terroristischer Gruppen sticht vor allem der sogenannte Islamische Staat hervor. Nach dem Ende seines mehr als dreijährigen „Kalifats“ in Syrien und im Irak im Jahr 2019 blieben Akteure des IS entweder in der Nahost-Region oder setzten sich in andere Länder ab. Was Syrien betrifft, hat der frühere „Kalifat-Staat“ IS noch nicht aufgegeben. Im Februar kündigte der IS eine neue Phase seines Kampfes gegen die Regierung des syrischen Interimspräsidenten Ahmed al-Scharaa an. Tödliche Anschläge, unter anderem auf Sicherheitskräfte des Innenministeriums in Damaskus, folgten. Das UN-Büro für Counter-Terrorism stellte fest, dass sich der IS in Mali, Burkina Faso und Niger profiliert – als Terrorpropagandist und als Rekrutierer einheimischer und ausländischer Kämpfer. Unter den IS-affiliierten Gruppen in Westafrika ragen drei besonders hervor: Boko Haram, die Provinz Islamischer Staat Westafrika (ISWAP) und JNIM, Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin, die „Gruppe zur Unterstützung des Islam und der Muslime“.
IS-Kämpfer auf dem Weg nach Europa
Bedrohung Mit der Fluchtbewegung könnte auch Europa mittel- oder langfristig stärker vom ausWestafrika kommenden Dschihadismus und Terrorismus bedroht sein – denn es kommen nicht nur Flüchtlinge. So traf etwa die türkische Regierung Vorsorge. Vor dem Nato-Gipfel diese Woche in Ankara wurden Hunderte Personen festgenommen. Dabei handelte es sich in derMehrzahl wohl um Oppositionelle. Allerdings wird einigen auch eine Verbindung zum Terrornetzwerk Islamischer Staat vorgeworfen.
Angetrieben von ihrem charismatischen Führer und Prediger Mohammed Yusuf ging Boko Haram 2002 aus einer Gruppe fundamentalistischer muslimischer Jugendlicher in Nigeria hervor. Ab 2010 verübte sie aus dem Untergrund systematische Anschläge auf Polizei, Militär und Politiker. Ihre ideologische Ausrichtung ist ein salafistischer Dschihadismus mit antiwestlicher Haltung. Die Operationen der Boko-Haram-Kommandos erstrecken sich über Nigeria, Niger, Tschad und bis nach Kamerun. Ihr Modus Operandi basiert auf Selbstmordanschlägen, Überfällen, Erpressungen und Entführungen – etwa 2014, als Hunderte junge Frauen und Mädchen entführt, als Sklavinnen gehalten oder verkauft wurden.
2016 spaltete sich ISWAP von Boko Haram ab. Die Gruppe leistete den ideologischen Treueid auf den Islamischen Staat. Trotz der Abspaltung firmierte sie weiter unter dem Namen der „Mutter“ und begeht entsprechende Operationen. Die JNIM existiert als Allianz mehrerer Gruppen in Mali. Teile der alten Al-Kaida sind in ihr integriert. Die stark antiwestlich ausgerichtete Gruppe strebt die Einführung einer kompromisslosen Scharia an. Das Lagebild ist düster. Vladimir Voronkov, Chef des UN-Büros „Counter-Terrorism“, zieht eine bittere Bilanz: „Der Islamische Staat in der Sahelzone (Burkina Faso, Mali und Niger) und in Westafrika hat sich wieder etabliert.“ Angesichts schwacher staatlicher Gewalt eskaliert ein aggressiver Dschihadismus auf einem idealen Spielfeld der Gewalt.
Besonders die Zivilbevölkerung gerät dadurch immer stärker zwischen die Fronten. Nach Ermittlungen der Vereinten Nationen sind vier Millionen Menschen in der Sahelzone, also in Burkina Faso, Mali, Niger und angrenzenden Staaten, auf der Flucht vor Hunger und Gewalt. Viele treibt die Hoffnung an die Küste und weiter nach Europa.
Quellenangaben
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