Im Supermarkt stehe ich leider mal wieder vor dem Süßigkeitenregal und habe Entscheidungsschwierigkeiten. Wohlgemerkt lassen die gestiegenen Schokoladenpreise nur eine begrenzte Auswahl für meinen Einkaufskorb zu. Dennoch merke ich auch, dass nicht mehr der Preis allein meine Auswahl bestimmt. Immer öfter zieht es mich zur gesondert stehenden Fair-Trade-Abteilung, wo mit verschiedenen Siegeln und Versprechen einer fairen Behandlung der Kakaobauern geworben wird. Denn in den letzten Jahren hat sich bei den Konsumenten ein Bewusstsein entwickelt, das ethische Maßstäbe in die Kaufentscheidung bei Supermarktwaren miteinbezieht. Doch wie weitreichend sind die humanitären Auswirkungen des Kakaohandels in Afrika?
In einem Online-Vortrag der „Global Initiative against Transnational Organized Crime (GI-TOC)“ wurden kriminelle Netzwerke in Afrika thematisiert. Als eindrückliches Beispiel wurde zur Erklärung der Kakaohandel im Kongo herangezogen. Die Demokratische Republik Kongo gilt seit Jahren als sogenannter „Failed State“ und fällt in den Nachrichten meist durch gewalttätige Konflikte zwischen unterschiedlichen Interessengruppen, durch Krankheitsausbrüche wie den tödlichen Ebolavirus sowie durch katastrophale humanitäre Zustände auf. Dabei ist in den letzten Jahren kein zusammenhangsloses Chaos entstanden, wie es Außenstehenden vielleicht vorkommen mag. Im Gegenteil: Es hat sich ein gut strukturiertes und schwierig anzugreifendes Netzwerk krimineller Akteure gebildet, das bestehende Machtstrukturen erhält und eine unproblematische Unterstützung durch Geberländer erschwert. Vor allem der illegale Handel mit Kakao, der eigentlich vorrangig in Westafrika angebaut wurde, hat sich aufgrund der Klimaveränderung in den Osten des Kongos verlagert, wo die Bedingungen für die empfindliche Pflanze optimal sind.
Dies bietet eine lukrative Gelegenheit für die ADF (Allied Democratic Forces), eine islamistische Rebellengruppe aus dem Westen Ugandas und dem Osten des Kongos, die sich 2019 dem Islamischen Staat anschloss und für Kriegsverbrechen sowie schwere Massaker an der Zivilbevölkerung verantwortlich ist. Durch Mord, Erpressung und Diebstahl an den lokalen Kakaobauern werden bis zu 50 % der Ernte nach Uganda geschmuggelt, wo sie für den europäischen Markt als Fair-Trade-Kakao „gewaschen“ wird. Andere Schätzungen gehen sogar davon aus, dass bis zu 90 % des Kakaos, der von Afrika auf andere Kontinente transportiert wird, gestohlen wurde. Denn die ADF sind nicht die Einzigen, die etwas vom Schokokuchen abhaben möchten.
Neben den Rebellengruppen gibt es auch staatliche kriminelle Akteure, die die Kontrolle über den Kakao mit Gewalt erlangen wollen. So gibt es Berichte, dass Soldaten Bauern von ihren Plantagen vertrieben – unter dem Vorwand, dass es dort zu gefährlich und die ADF im Anmarsch sei. In Wirklichkeit waren die Plantagen nach der Rückkehr der Bauern vom Militär besetzt, und der Kakao musste zurückgekauft werden. Andere Berichte handeln von Paramilitärs, die sich durch das Rufen islamistischer Parolen als ADF ausgeben, in Wahrheit aber von staatlichen oder privatwirtschaftlichen Akteuren bezahlt wurden. Auch nutzt das Militär Straßensperren, um Kakao zu besteuern, zu stehlen oder illegal durchzuwinken. Warum kann man dann nicht einfach mit Waffengewalt gegen diese bewaffneten Gruppierungen vorgehen?
Quellenangaben
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