Die Megatrendstudie Sicherheit zeigt Entwicklungen, die ziemlich sicher eintreten, bereits eingetreten sind oder derzeit im Begriff sind, einzutreten.
Unsicherheiten werden oft durch Naivität und Unaufgeklärtheit hervorgerufen. Die Megatrendstudie Sicherheit will das auflösen und das Sicherheitsgefühl stärken.Während Bedrohungen globaler, digitaler und unberechenbarer werden, wächst gleichzeitig das Bedürfnis nach Sicherheit. Jeder ist betroffen, jeder hat in irgendeiner Form eine Art von Unsicherheit. Damit hat es etwas Allumfassendes. Zudem ist (Un-)Sicherheit abstrakt, ein Gefühl. „Unsicherheit wird insbesondere von Unaufgeklärtheit und Naivität hervorgerufen“, betont Sicherheitsexperte Uwe Gerstenberg.
„Wir dürfen nicht verlernen, auf unser Bauchgefühl zu hören.“
Uwe Gerstenberg – Sicherheitsexperte & Future Advisor
An diesem Punkt setzt die Megatrendstudie Sicherheit des Zukunftsinstituts an, die Anfang des Jahres veröffentlicht wurde. Auch Gerstenberg ist daran beteiligt. Das Hauptziel ist es, aufzuklären und Naivität zu beseitigen und dadurch mehr Sicherheit zu erreichen. „Den Forschenden ging es dabei um die Frage, wie sich Sicherheit in den kommenden fünf Jahren entwickelt. Diese Trends werden relativ gesichert eintreten oder sind zum Teil bereits eingetreten. Es geht also nicht um eine Science-Fiction-Prognose, sondern um einen faktenbasierten Zukunftsblick“, erklärt Gerstenberg den Hintergrund. Mit diesem Wissen soll es möglich sein, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, aktiv zu werden und im Endeffekt für die Unsicherheiten der nahen Zukunft bestmöglich gerüstet zu sein. Konkret haben die Forschenden dafür neun Megatrends formuliert, die die Branche prägen (werden) und sechs Szenarien sowie 30 Strategien entwickelt.
Megatrends als Rahmenbedingungen
Kern der Studie sind die Megatrends. Für die nahe Zukunft prognostizieren die Forschenden neun Entwicklungen:
- Power Blocks
- Game of Nations
- Cybersecurity
- Risk Latency
- Guardification
- Crumbling Modernity
- Resilience
- Planetary Risk
- Cold War 2.0
Diese Megatrends (näher ausgeführt im Infokasten rechts) wirken gleichzeitig und verstärken sich teils gegenseitig. Sie ergeben insgesamt die neuen Rahmenbedingungen einer komplexen Sicherheitsrealität. Sie sind aber nicht mahnend oder mit dem erhobenen Zeigefinger gemeint. Vielmehr sind sie als Kompass gedacht, als Unterstützung und vor allem als Aufklärung gegen die Naivität, die Unsicherheit befeuert. „Im Wesentlichen geht es darum aufzuzeigen, wie sich die bisherigen Sicherheitslogiken verändern und wo Verwundbarkeit entsteht. Die sechs entwickelten Szenarien helfen dabei, die Resilienzstrategie auf die Megatrends auszurichten“, betont Gerstenberg und ergänzt: „Die Megatrendentwicklungen, die auf uns einströmen, sind komplex und schreiten schnell voran. Szenarien helfen uns dabei, komplexe Sachverhalte zu erfassen und zu bearbeiten. Szenarien machen Strategien zukunftsfest, weil sie Komplexität verstehbar und gestaltbar machen.“
Szenarien machen Strategien zukunftsfest.
Die Trendstudie richtet sich originär an Unternehmen und Betriebe. Sie sollen Unsicherheit akzeptieren, aushalten, sich darauf vorbereiten und sich nicht davon bremsen lassen. Es geht darum, Einflussfaktoren auf das eigene Unternehmen durchzuspielen und anhand strategischer Ableitungen konsequent zu handeln. Übertragen lassen sich die Trends, Szenarien und Strategien, so Gerstenberg, aber auch auf die öffentliche Sicherheit. Welche Aspekte aus der Megatrendstudie beeinflussen sie am stärksten (obwohl natürlich jeder Trend Einfluss auf sie hat) und haben somit das Potenzial, zu einem stärkeren Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung beizutragen?
Wider der Vollkaskomentalität
Um das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung zu stärken, ist eine Vorannahme essenziell, die zunächst nach einem Widerspruch klingt: „Es herrscht im Allgemeinen Klarheit darüber, dass sich nicht alles absichern lässt.“ Daher, so Gerstenberg, gilt es zu überlegen, was für die öffentliche Sicherheit eine hohe Sensibilität hat und dort anzusetzen. Einen besonders großen Impact auf die öffentliche Sicherheit hat der Megatrend Cybersecurity. „Sie sichert die Demokratie und letztendlich auch die Handlungsfähigkeit des Staates.“ Mit gezielten Maßnahmen schützt sie zum Beispiel staatliche Einrichtungen und Privatpersonen. „Ziel ist eine ganzheitliche, identitätszentrierte Cyberresilienz zum Schutz vor Wirtschaftsspionage oder Informationsabfluss“, heißt es in der Zukunftsstudie. Obwohl besonders professionelle Lösungen Angriffe verhindern würden, seien doch manchmal die Low-Tech-Maßnahmen am effektivsten. Dazu gehören Geräte ohne Netzanbindung, Gespräche unter vier Augen und das Zurücklassen des Smartphones bei Unterhaltungen.
„Es herrscht im Allgemeinen Klarheit darüber, dass sich nicht alles absichern lässt.“
Uwe Gerstenberg – Sicherheitsexperte & Future Advisor
Außerdem, so Gerstenberg, muss sich die öffentliche Hand unbedingt mit dem Megatrend Resilienz auseinandersetzen. Aber: „Deutschland ist dabei gar nicht so schlecht aufgestellt“, konstatiert der Experte. Nachholbedarf gibt es vor allem in der Bevölkerung. „Die Menschen haben zum großen Teil die Fähigkeit verloren, für sich selbst vorzusorgen. Wer ist hierzulande schon dazu in der Lage, die Familie zwei Wochen zu versorgen, ohne in den Supermarkt zu gehen? Das war früher anders“, erinnert sich Gerstenberg. Wir steuern, so der Experte, auf einen neuen Kalten Krieg zu – daher beinhaltet die Zukunftsstudie auch den Megatrend Cold War 2.0. Der Unterschied zu damals sei aber die Krisenbewältigungsfähigkeit des Einzelnen. „Die Bevölkerung war im Kalten Krieg gut vorbereitet. Das ist leider nach und nach abhandengekommen. Heute herrscht häufig das Mindset: ‚Wenn ich Hilfe brauche, schreie ich nach dem Staat. Irgendwer wird mir schon helfen‘. Wir müssen aber wieder von dieser Vollkaskomentalität wegkommen und selbst an unserer Resilienz arbeiten“, mahnt Gerstenberg. Das sei unbedingt nötig, da der Staat im Krisenfall so auch anders handlungsfähig ist. „Wir können das, wir müssen es nur wieder lernen! Deshalb würde ich mir öffentliche Kampagnen in diese Richtung wünschen, anstatt ständig die großen geopolitischen Themen auf die Agenda zu bringen“, so der Experte weiter.
Bildung und Bauchgefühl
Außerdem ein wichtiger Aspekt für die öffentliche Sicherheit: das Eindämmen von Polarisierungen. In der Megatrendstudie beschreiben die Autoren im fünften Szenario, wie gesellschaftliche Debatten in einem Unternehmen Polarisierungen nach sich zogen und wie diese erfolgreich überwunden werden können. Die Lösung: Führungskräfte schulen, (moderierte) Räume für Debatten öffnen und transparent auftreten. Doch was im Kleinen umsetzbar ist, lässt sich nicht immer einfach hochskalieren. Gerstenberg sieht die Lösung, polarisierende gesellschaftliche Debatten zu entspannen, vor allem in der Aufklärung beziehungsweise Bildung. Außerdem: „Wir dürfen nicht verlernen, auf unser Bauchgefühl zu hören. Leider steuern wir aber gerade dort hin. Der gesunde Menschenverstand hilft einem dabei, die Antennen auszufahren, wenn man mit dubiosen ‚Fakten‘ konfrontiert wird“, rät Gerstenberg. Bildung und Bauchgefühl, sie können einen Lösungsansatz bieten. Zudem braucht es immer gewisse Umgangsformen bei Debatten. Zu lernen, wie respektvoll diskutiert wird, beginnt bereits in Kindergärten und Schulen. Dabei müsse jeder begreifen: Demokratie bedeutet immer, Kompromisse zu finden. Oftmals kann man sich nur auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner einigen.
Handeln statt im Stillstand verharren
Wer sein Sicherheitsgefühl stärken will, für den lohnt sich ein Blick in die Zukunftsstudie. Sie macht Entwicklungen bewusst und motiviert dazu, sich wirklich mit ihnen auseinanderzusetzen. Sei es in Organisationen, Unternehmen, im öffentlichen Bereich oder in den privaten Haushalten. Sicherheit geht uns alle etwas an. Je mehr wir darüber wissen, umso besser können wir mit Unsicherheiten umgehen. „Wir müssen für unsere Zukunft lernen, die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden.“
Das sind die Megatrends
POWER BLOCKS: Im Zuge der globalen Zeitenwende ordnet sich die Welt multipolar in neue Machtblöcke, Unsicherheit und Unübersichtlichkeit nehmen zu – und einige Technologie-Konzerne steigen zu geopolitisch relevanten Playern auf.
GAME OF NATIONS: Angetrieben von der internationalen Fragmentierung wetteifern Länder im Game-of-Nations um Bodenschätze, Nahrungsmittel und technologisches Know-how.
CYBERSECURITY: Die digital gesteuerten Wertschöpfungsketten rund um den Globus, das Internet of Things oder Remote-Arbeit öffnen zahllose Angriffspunkte – eine effektive Cybersecurity ist daher heute essenziell.
RISK LATENCY: Im hohen Puls vernetzter Strukturen können Risiken schnell zu Krisen werden – Risk Latency hält Unternehmen, Institutionen oder Organisationen davon ab, dies rechtzeitig zu bemerken.
GUARDIFICATION: Absicherung statt Offenheit, Vorsorge statt Vertrauen – bei Guardification gehen Organisationen, Institutionen und Unternehmen dauerhaft in Verteidigungsstellung.
CRUMBLING MODERNITY: Weil Fortschrittserzählungen in der Crumbling Modernity unter dem Druck vielfältiger Krisen zunehmend unglaubwürdig werden, nimmt weltweit die Unsicherheit zu. Sozialer Fortschritt und konstante technische Innovation treten in den Hintergrund, stattdessen rücken Basisfunktionen wie Versorgungssicherheit und Resilienz ins Zentrum.
RESILIENCE: Frühes Erkennen, schnelles Eindämmen, zügiges Wiederherstellen: Resiliente Organisationen, Institutionen und Unternehmen sind weniger anfällig gegenüber einem breiten Spektrum an Risikovektoren.
PLANETARY RISK: Steigender Populismus, wackelnde Versorgung mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen, Kriege – vom Planetary Risk gehen vielfältige Bedrohungen für die globale Sicherheit aus. COLD WAR 2.0: Im Cold War 2.0 lancieren Staaten und nichtstaatliche Akteure hybride Angriffe gegen Institutionen, Unternehmen und Organisationen – eine Kombination aus digitalen Mitteln und physischen Maßnahmen – immer knapp unterhalb der Kriegsschwelle.
Über die Zukunftsstudien
Das Zukunftsinstitut gibt jedes Jahr eine Trendstudie zu einem Thema heraus, in diesem Jahr zu Sicherheit. Ziel ist es, in den Bereichen komplexe Themen einzuordnen und dadurch ein besseres Gefühl zu erhalten, warum sich manche Dinge so entwickeln, wie sie es tun. Die Megatrendstudie Sicherheit hielten die Verantwortlichen für notwendig, weil es hier extreme Veränderungen gibt und eine gefühlte Permanentkrise. Um dem weder überdrüssig zu werden, noch in Depressionen zu verfallen, bietet sich die Aufklärung als Motivator und Hoffnungsgeber an. Die Trends entstanden in sehr wissenschaftlichen und komplexen Methoden. Dazu gehörten auch spezielle Interviews mit Experten, aber nicht nur mit wissenschaftlichem Hintergrund, sondern auch zum Beispiel mit Sicherheitsverantwortlichen in Konzernen.
Sicherheit ist „vireal“
Grundlegend für das Sicherheitsverständnis ist, dass die virtuelle und die reale Welt miteinander verschmelzen. Für dieses Phänomen nutzt Gerstenberg den Begriff „vireal“. Konkret bedeutet das, so der Sicherheitsexperte, dass es nicht mehr ausreicht, einen Cyber-Sicherheitsverantwortlichen und zusätzlich einen Sicherheitsverantwortlichen für physische Sicherheit in Unternehmen zu beschäftigen. „Vielmehr braucht es eine Person, die beide Welten denken kann. Koordinierend und bewertend.“
Quellenangaben
Titelbild von your123 – stock.adobe.com
Zuerst erschienen
PROTECTOR © von Mareike Rosenberger-Knewitz







