Die Welt als Interessensphären

Die Welt als Interessensphären

Durch eine militärische Operation der USA gegen Venezuela wurde am 02.01.2025 Präsident Nicolás Maduro außer Landes gebracht. Angesichts der autokratischen Struktur des venezolanischen Regierungssystems kommt dies faktisch einem Regimewechsel gleich. Innerhalb der globalen Machtkonstellationen wird diese Intervention aufmerksam beobachtet und international intensiv kommentiert.

Die USA etablierten mit einem stark überproportionalen maritimen Kräfteaufbau vor Venezuela eine Plattform zur politischen und militärischen Zwangsausübung jenseits der Drogenbekämpfung. Die Präsenz von Zerstörern, Träger- und amphibischen Verbänden ermöglicht Seeraumkontrolle, Interdiktion und faktische Blockadewirkungen gegen venezolanischen Öl- und Handelsschiffsverkehr. Die Forcierung von Seestreitkräften entspricht einer klassischen Seemachtpolitik durch Kontrolle von Seewegen, Blockade und wirtschaftlichen Druck (Mahan). Die Vorteile der maritimen Macht werden flexibel, politisch dosiert und kombiniert mit anderen militärischen Mitteln eingesetzt, um strategische Effekte ohne formalen Krieg zu erzielen (Castex). Der Kräfteaufbau in geografischer Nähe des Landes zur Vorbereitung eines militärischen Konfliktes, ohne „Boots on the Ground“ zu riskieren, ist ein Vorteil mit Blick auf die hohen Verluste klassischer Landoperationen der letzten Dekaden.

Mehrere strategische Linien der US-amerikanischen Politik sind erkennbar. Im Rahmen der „America First“-Strategie wurde der lateinamerikanische Drogenhandel als zentrales sicherheitspolitisches Problem definiert. In diesem Kontext stuften die USA führende Drogenkartelle als Terrororganisationen ein und erklärten sie durch präsidiale Exekutivanordnungen und Terrorlistungen auf Grundlage des Immigration and Nationality Act (INA) und der Executive Order 13224 zu legitimen militärischen Zielen. Bereits seit Herbst 2025 wurden maritime Drogentransportrouten systematisch militärisch bekämpft. Aufgrund der engen Verzahnung venezolanischer Machtstrukturen mit der Drogenökonomie geriet auch der venezolanische Staat zunehmend in den Fokus dieser Strategie.

Darüber hinaus etablierte Maduro Venezuela als geopolitische Schnittstelle für Akteure, die sich explizit in Opposition zu den USA positionieren. Die Intervention ist daher auch im Kontext der Eindämmung chinesischen Einflusses sowie der Zurückdrängung von BRICS-Einflusszonen zu sehen, wodurch die USA im Rahmen ihres „Pivot to Asia“ strategisch insgesamt gestärkt werden sollen. Ein weiteres Motiv stellt die Sicherung des Zugangs zu den venezolanischen Erdölreserven dar, die unter Hugo Chávez verstaatlicht worden waren. In einer Pressekonferenz bestätigte Donald Trump, dass der Zugang zu den Ölvorkommen expliziter Bestandteil der US-Strategie sei. Mit der Sicherung dieses Zugangs wird er im Sinne einer „Strategy of Denial“ zugleich dem Bündnis der BRICS-Staaten verwehrt.

Die klare Strukturierung entlang geopolitischer Macht- und Interessenräume im Sinne einer aktualisierten Heartland-Theorie wird sichtbar. Diese Entwicklung geht mit einer faktischen Neuinterpretation der Monroe-Doktrin des 19. Jahrhunderts einher, nach der Südamerika erneut als hegemoniale Einflusszone der USA definiert wird. Die strategische Rückbesinnung der Vereinigten Staaten auf ihre unmittelbaren geografischen Einflusssphären erfüllt zentrale Versprechen der trump‘schen Außenpolitik.

Wie bei der Debatte um Grönland spielt Europa weiterhin keine Rolle. Verweise auf das Völkerrecht, ohne die Fähigkeiten einer Machtprojektion zu dessen Durchsetzung, demonstrieren die Ohnmacht und zunehmende Bedeutungslosigkeit Europas innerhalb der geopolitischen Dynamiken.

Zuerst erschienen 
Clausewitz Netzwerk für strategische Studien © vom 04.01.2026 

Über die Autoren
Korvettenkapitän Christoph Scharf trat 2009 in die Bundeswehr ein. Nach der Offizierausbildung in der Marine absolvierte er ein Studium der Wirtschafts- und Organisationswissenschaften an der Universität der Bundeswehr in München. Ab 2015 diente er auf Fregatten der Marine und war zuletzt Schiffsoperationsoffizier auf Fregatte HESSEN. In den Jahren 2017 und 2018 nahm er am Personal Exchange Program mit der US-Navy als Navigationsoffizier auf USS FARRAGUT teil. Derzeit ist Korvettenkapitän Scharf Teilnehmer des nationalen General- und Admiralstabslehrgangs (2023) an der Führungsakademie in Hamburg.

Dr. phil. Martin C. Wolff ist ein deutscher Philosoph, Unternehmer und Strategieexperte mit Schwerpunkt auf Digitalisierung, Sicherheit und staatlicher Resilienz. Er lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin und am Hasso-Plattner-Institut zur Ethik, Ökonomie und Digitalisierung. Als Gründer mehrerer Technologieunternehmen entwickelt er Lösungen für Cybersicherheit und digitale Souveränität. Seit 2019 ist er Vorsitzender des Clausewitz Netzwerks für Strategische Studien (CNSS), seit 2021 Leiter des Internationalen Clausewitz-Zentrums an der Führungsakademie der Bundeswehr. Er ist Träger des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Quellangaben
Titelbild von Rafael – stock.adobe.com (geniert mit KI)

Über den Autor

Dr. phil. Martin C. Wolff ist ein deutscher Philosoph, Unternehmer und Strategieexperte mit Schwerpunkt auf Digitalisierung, Sicherheit und staatlicher Resilienz. Er lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin und am Hasso-Plattner-Institut zur Ethik, Ökonomie und Digitalisierung. Als Gründer mehrerer Technologieunternehmen entwickelt er Lösungen für Cybersicherheit und digitale Souveränität.
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