Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.
Die alte Weltordnung, wie wir sie seit dem Ende des Kalten Krieges kannten, bröckelt nicht nur – sie wird aktiv umgebaut. Imperialismus ist wieder modern, das illegale Aneignen souveräner Staaten scheint für einige Weltmächte wieder zum guten Ton zu gehören. Im Westen beeinflussen Tech-Milliardäre Wahlen und träumen davon, dass Monarchien und alte Reiche aus ihren Ruinen auferstehen, während die Demokratie sechs Fuß unter der Erdoberfläche vergraben werden soll. Aber wem nützt das Ganze? Wer bekommt was vom Kuchen ab?
Peter Thiel, Silicon-Valley-Juggernaut und Gründer von Palantir und PayPal, bringt es auf den Punkt:
„Ich glaube nicht mehr, dass Demokratie und Freiheit miteinander vereinbar sind.“
Beunruhigend ist, dass Palantir als Analysetool Zugang zu den persönlichen Daten von Menschen in den USA, aber auch in Deutschland hat. Beunruhigend ist ebenso, dass Thiel ein Hauptfinanzier der Trump-Wahlkampagne für eine zweite Amtszeit war. Und beunruhigend ist schließlich, dass Venezuela und Grönland, zwei der rohstoffreichsten Regionen der Welt, innerhalb kürzester Zeit unter strategische Kontrolle geraten sollen. Rohstoffe wie seltene Erden und Mineralöle sind die Basis für Schlüsseltechnologien in der Tech-Industrie und somit für die amerikanische Wirtschaft. Wer die Kontrolle über diese Ressourcen erlangt, sichert sich wirtschaftliche Macht.
Elon Musk, Thiels früherer Paypal-Partner und reichster Mann der Welt, lieferte mit seinen Starlink-Satelliten einen Großteil des Internets für die ukrainischen Streitkräfte. Dieses Satelliten-Internet-Netzwerk war nach Beginn der russischen Invasion 2022 entscheidend für militärische Kommunikation, Drohnensteuerung und Datenübertragung. Berichten zufolge schaltete Musk das Netzwerk während einer ukrainischen Gegenoffensive überraschend teilweise ab – offiziell, um eine Eskalation des Krieges zu vermeiden. Dieses Beispiel zeigt, wie nicht-demokratisch gewählte Milliardäre heute direkten Einfluss auf geopolitische Großereignisse ausüben. Sie bestimmen über Krieg und Frieden, über Infrastruktur, Ressourcen und strategische Entscheidungen, ohne dass die Bevölkerung oder gewählte Institutionen ein Mitspracherecht haben.
Das Phänomen ist historisch nicht neu: Schon im Italien der Renaissance finanzierten Superreiche wie die Medici Kriege und beeinflussten politische Allianzen nach ihren Interessen. Der Unterschied heute ist jedoch dramatisch: Das Level der Einflussnahme hat sich von lokalen und regionalen Konflikten auf die globale Bühne ausgeweitet. Heute können einzelne Milliardäre nicht nur Kriege, sondern ganze Wirtschaftsströme, strategische Ressourcen und internationale Sicherheitsentscheidungen maßgeblich steuern. Mit direkten Folgen für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und globale Stabilität.
Die Sicherheitslüge
Schon im 19. Jahrhundert machte William H. Seward nach dem Kauf von Alaska den Vorschlag, auch Grönland zu erwerben. Dabei war die Vormachtstellung in der Arktis und der damit verbundene Sicherheitsaspekt nur einer von drei zentralen Gründen, die das Expansionsstreben der USA von Anfang an bestimmten. Genauso wichtig waren Bodenschätze wie Kohle und Edelmetalle – das scheinbar karge Land sollte langfristig als strategische Wertanlage dienen. Hinzu kam die Ideologie des „Manifest Destiny“, die den USA die historische Pflicht zuschrieb, ihren Einflussraum auszudehnen. Der Plan scheiterte jedoch: Der US-Kongress und die amerikanische Öffentlichkeit waren bereits aufgebracht, weil mit Alaska zuvor schon eine scheinbar „nutzlose Eisfläche“ erworben worden war. Der Expansionsgedanke und der Wunsch zur Machtausdehnung in der Welt starben jedoch nie.
Dieses Denken hat sich über die letzten 150 Jahre immer wieder gezeigt: unter Theodore Roosevelt beim Bau des Panama-Kanals oder unter George W. Bush mit der „Freedom Agenda“, die Sicherheit und Terrorbekämpfung als moralische Rechtfertigung für Interventionen in souveränen Ländern nutzte. Schon damals gab es kritische Stimmen, die diese Sicherheitsbegründungen anzweifelten. Alan Greenspan, einer der einflussreichsten Wirtschaftslenker der USA, schrieb 2007 in seinen Memoiren:
„Ich bin betrübt, dass es politisch unbequem ist, festzustellen, was jeder weiß: Im Irak-Krieg geht es im Wesentlichen um das Öl.“
Die Betonung der Sicherheit war also oft nur ein vorgeschobener Aspekt und erzählt nicht die ganze Wahrheit über den strategischen Zugriff und den Zugang zu Ressourcen.
Wenn es den USA wirklich um die Sicherheit der Arktis und Europas ginge, würden sie das Verteidigungsabkommen von 1951 mit Dänemark nutzen, um gemeinsam NATO-Basen zu stärken, statt einseitig Druck auszuüben. Trump hätte die NATO konsequent stärken müssen, stattdessen schwächte er sie rhetorisch, während er auf der Konferenz in Davos lautstark behauptete, die USA hätten nie etwas für ihren „unglaublichen Support“ von der NATO zurückbekommen. Dabei übersah er geflissentlich, dass Dänemark als einer der frühesten und engagiertesten NATO-Bündnispartner in Afghanistan mit einer vergleichsweise kleinen Truppe in der gefährlichen Helmand-Provinz kämpfte und eine der höchsten Pro Kopf Verlustraten unter den Koalitionsstaaten verzeichnete. Und auch Kanada und die anderen europäischen Bündnispartner bluteten für einen Krieg, der nach 20 Jahren nichts vorzuweisen hat. Die Aussage des US-Präsidenten ist demnach nicht nur eine Respektlosigkeit gegenüber den Toten und ihren Angehörigen, sie ist, wie so oft, schlichtweg falsch.
Die Reaktion europäischer Staatsoberhäupter wirkt jedoch wie die einer Klasse, die von einem Schulschläger eingeschüchtert wird – sie drucksen herum, statt klare Grenzen zu ziehen. Am 22. Januar 2026 wurde zwischen den USA und der NATO ein Rahmenabkommen zur Sicherheit in der Arktis verhandelt. Die Details sind vage, aber Trump verzichtete im Gegenzug auf angedrohte Strafzölle. Die Taktik, zuzuschlagen und dann Bedingungen zu stellen, ist altbekannt, doch dass Europa darauf hereinfällt und dem Aggressor den roten Teppich ausrollt, ist beschämend. Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom bringt es auf den Punkt:
„Ich kann diese Komplizenschaft nicht mehr ertragen, wie Leute klein beigeben. Ich hätte einen Haufen Knieschoner mitbringen sollen für die ganzen Staatenlenker … das ist erbärmlich…“
Der Stuhltanz der Weltmächte
Während die USA, China und Russland ihre Machtblöcke längst abgesteckt haben, versucht Europa verspätet, aber mit wachsender Entschlossenheit, seinen Platz neu zu definieren. Mit dem EU-Indien-Freihandelsabkommen ist ein Durchbruch gelungen: eines der größten Handelsabkommen der Welt, mit enormen Zollsenkungen, strategischem Zugang zu einem der wichtigsten Wachstumsmärkte und neuen Perspektiven für Technologie- und Lieferkettenkooperation. Kanzler Merz und Premierminister Modi inszenierten diese Partnerschaft bewusst sichtbar, auch symbolisch, um Europas Öffnung zu neuen Bündnissen zu unterstreichen. Gleichzeitig bleiben die Grenzen spürbar: Bürokratie, Visafragen und regulatorische Unterschiede bremsen den realen Austausch von Fachkräften und Technologie. Noch deutlicher zeigt sich Europas Zerrissenheit beim MERCOSUR-Abkommen, das durch parlamentarische Blockaden auf Eis liegt. Europa ist weiterhin ein anerkannter potenzieller Handelspartner auf der Welt, ringt aber weiterhin mit der Konsequenz, sie auch durchzuziehen.
Europa wird gezwungen sein, sich neu zu orientieren: militärisch, wirtschaftlich und diplomatisch. Es muss Bündnisse eingehen, die nicht immer den eigenen Werten entsprechen, gleichzeitig aber seine Prinzipien und Ideale wahren. Dieser Balanceakt ist ein schwerer Spagat: Im globalen Machtspiel unseres stärksten Verbündeten werden Entscheidungen längst ohne Europa getroffen, während es selbst noch versucht, seinen Platz zu sichern. Eines ist sicher: Die globalisierte Welt, wie wir sie kannten, hat ein abruptes Ende gefunden, die Karten werden neu gemischt und Europa muss lernen, aktiv mitzuspielen, ohne dabei seine Identität und Werte aufzugeben.
Quellangaben
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