Die Arktis und der Nordpfeiler der Bündnisverteidigung

Die Arktis und der Nordpfeiler der Bündnisverteidigung

Der hohe Norden und die Arktis sind keine sicherheitspolitischen Randräume. Sondern integraler Bestandteil der kollektiven Verteidigung. Grönland ist der Angelpunkt zwischen Nordamerika, Europa und Eurasien. Als Teil des Königreichs Dänemark, eines NATO-Vollmitglieds, gehört Grönland zum Bündnisgebiet und fällt unter den Schutz von Artikel 5 des Nordatlantikvertrags. Eine sichtbare europäische Präsenz unterstreicht diesen Anspruch und sendet ein klares Signal der Abschreckung.

Als kürzeste Flug- und Raketenroute für ballistische Raketen und strategische Bomber zwischen Nordamerika und Russland besitzt Grönland zentrale Bedeutung für die Frühwarn-, Luftverteidigungs- und Raketenabwehrfähigkeiten des Bündnisses. Darüber hinaus bildet Grönland gemeinsam mit Island und dem Vereinigten Königreich (UK) die maritime und unterseeische Schlüsselpassage der GIUK-Lücke, den wichtigsten Zugang vom Arktischen Ozean in den Nordatlantik. Diese Passage ist entscheidend für die Bewegungen russischer Überwassereinheiten und strategischer U-Boote. Eine verstärkte NATO-Präsenz verbessert die maritime Lagebilderstellung, die U-Boot-Jagd und die Sicherung transatlantischer Nachschublinien. Das klimabedingte Abschmelzen des arktischen Eises verstärkt die sicherheitspolitische Relevanz. Diese Zusammenhänge wurden im CNSS-One-Pager vom 19.01.2025 erfasst.

Die deutsche Beteiligung an der europäischen NATO-Truppenpräsenz in Grönland hat als sichtbares Symbol der Bündnissolidarität zugleich eine konkrete militärische, geopolitische und strategische Bedeutung. Sie sendet in Ergänzung zur bestehenden US-amerikanischen Präsenz Signale der Verteidigungsbereitschaft, der Abschreckung und der politischen Unterstützung an die USA. Gleichzeitig zeigt sich aber, dass das politische Handeln Europas vielfach von grundlegend anderen – teils ausschließlich reaktiven – Annahmen geprägt ist. Vernachlässigt werden jene gesellschaftlichen Leitbilder und langfristigen Zukunftsentwürfe, die das politische Handeln der USA gegenwärtig maßgeblich beeinflussen.

Neben der aktualisierten Interpretation der Monroe-Doktrin wirkt im politischen Denken der USA auch das ideengeschichtliche Erbe der Technocracy-Bewegung der 1930er Jahre fort. Diese verstand sich als technologisch begründetes Gesellschaftsmodell und als Gegenentwurf zu einer kapitalbasierten Ordnung. In der Idee des sogenannten „Technats“ wird ein geopolitischer Anspruch auf einen zusammenhängenden Raum vom Nordpol über Grönland bis hin zum Panamakanal formuliert – begründet mit der Verfügbarkeit aller relevanten Klimazonen, Energiequellen und strategischen Rohstoffe, um weitgehende Autarkie gegenüber Europa und Asien zu erreichen. Neben Elementen eines politischen Messianismus wirken hierbei insbesondere machtpolitische Netzwerke der US-amerikanischen Technologieszene auf Donald Trump und das Weiße Haus ein. Die konsequente Umsetzung dieser langfristigen Denklinien erklärt die aus europäischer Perspektive mitunter irrational erscheinende Kompromisslosigkeit der US-Administration in diesen Fragen.

Eine deutsche oder europäische Entsprechung vergleichbarer gesellschaftlicher und geopolitischer Zukunftsentwürfe ist nicht erkennbar. Entsprechend fehlen proaktiv verfolgte Handlungsoptionen. Stattdessen dominiert ein vorsichtiges Navigieren gegenüber dem geopolitischen Gestaltungswillen der USA, Russlands und Chinas sowie zahlreicher regionaler Mächte. Vor diesem Hintergrund sind jüngste Ereignisse wie der Einsatz von Störmitteln gegen Starlink-Systeme im Iran einzuordnen. Nach früheren US-Interventionen, etwa gegenüber Venezuela, scheinen die BRICS-Verbündeten Irans entschlossen, einen weiteren geopolitischen Machtverlust um nahezu jeden Preis zu verhindern. Neben der beispiellosen Repression nach innen wurde dabei erstmals offen die technologische Fähigkeit demonstriert, ein satellitengestütztes globales Command-and-Control-Netzwerk wie Starlink landesweit zu stören.

Sichtbar wird Europas Unbehagen, scheinbar getrennte Ereignisse in einen strategischen Zusammenhang einzuordnen. Die Präsenz in Grönland wäre mehr als ein militärisches Signal: Sie demonstriert die Akzeptanz neuer Rahmenbedingungen und die Fähigkeit, schnell und entschlossen zu handeln.

Zuerst erschienen 
Clausewitz Netzwerk für strategische Studien © vom 19.01.2026

Quellangaben
Titelbild von Thumbs – stock.adobe.com (geniert mit KI | redaktionelle Nutzung)

Über den Autor

Dr. phil. Martin C. Wolff ist ein deutscher Philosoph, Unternehmer und Strategieexperte mit Schwerpunkt auf Digitalisierung, Sicherheit und staatlicher Resilienz. Er lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin und am Hasso-Plattner-Institut zur Ethik, Ökonomie und Digitalisierung. Als Gründer mehrerer Technologieunternehmen entwickelt er Lösungen für Cybersicherheit und digitale Souveränität.
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